Eine Nacht auf dem japanischen Zauberberg

Der Weg zur Erleuchtung ist nicht ganz so einfach. Der Zug braucht eineinhalb Stunden, langsam zuckelt er durch die düstere Bergwelt Japans, vorbei an einsamen Dörfern und dunklen Wäldern. Dann Endstation: „Paradiesbrücke“ heißt der kleine Bahnhof übersetzt – ein Versprechen? Weiter geht es mit der Standseilbahn oder mit dem Bus, der sich Kurve für Kurve den Berg hinaufschraubt. Während unten in den Parks und Tempelgärten schon die ersten Kirschbäume blühen, überzieht auf der Hochebene des Koya-san, rund 800 Meter über dem Meeresspiegel, noch eine hauchdünne Schneeschicht die Straßen. Es ist ruhig im gleichnamigen Örtchen, kaum Menschen sind unterwegs. Keine Spur von Neonreklamen, vollen U-Bahnen oder lärmenden Spielhallen wie in Tokio. Stattdessen unzählige Tempel, Pagoden und Klöster, durch mächtige Holztore mit geschwungenen Dächern und Steinmauern von der Außenwelt abgeschirmt – und doch offen für Besucher.

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Genau genommen bildet der Koya-san eine einzige Tempelanlage, mit dem Kongobu-ji als Haupttempel und zahlreichen Untertempeln. Auch die Klöster bzw. die Klosterherbergen gelten als Untertempel.

Moosbewachsene Steine und verwittertes Holz lassen erahnen, wie alt dieser Ort ist. Im Jahr 816 etabliert der buddhistische Mönch Kukai eine religiöse Gemeinschaft auf dem Koya-san. Nach seinem Tod errichten seine Anhänger mehr und mehr Tempel und Klöster, und der Berg wird zum Zentrum der von Kukai gegründeten Shingon-Sekte. Sekte? Vielmehr handelt es sich um eine Denkschule, eine esoterische Auslegung des Buddhismus. Meditation mit Mantras spielt eine wichtige Rolle, und geht es nach dem Gründer, kann jeder Mensch durch Meditation noch in diesem Leben zum Buddha werden.

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Mantras sind heilige Silben, Wörter oder Sätze, die gesprochen oder gesungen werden. Es gibt sie sowohl im Buddhismus als auch im Hinduismus. Das wahrscheinlich bekannteste Mantra ist die Silbe „Om“.

Japanische Gemütlichkeit

Der Bus hält vor einer Klosterherberge. Die Erleuchtung kommt etwas näher: nur noch ein Schritt durch das Tor. Im Hof fegt ein Mitarbeiter des Klosters mit einem Reisigbesen den Schnee beiseite und bittet mit einem Lächeln zum Eingang des Haupthauses: Bitte Schuhe ausziehen, Plüschschlappen stehen schon bereit. Am Rezeptionstischchen sitzt ein Mönch im Schneidersitz, der lange Flur ist in goldgelbes Licht getaucht, überall warmes Holz und kleine Papierlampen. Lautlos gleiten die Besucher in ihren Schlappen über das glatt polierte Parkett zu ihren Zimmern. Die Räume sind traditionell karg, das Bettzeug wie so oft in Japan in einem Schiebeschrank verstaut. Am Abend wird ein Bediensteter des Klosters den Gästen das Bett machen: Tisch beiseiteschieben, die dünnen Futons auf den Tatamimatten ausrollen, Decken aufschütteln. Doch davor wartet ein anderes Highlight.

Obwohl die Ruhe in den Klöstern etwas anderes vermittelt, so hat der Koya-san doch aufreibende, wechselvolle Jahrhunderte hinter sich. Nach einer ersten Blütezeit nach Kukais Tod zerstört 994 ein Brand einen großen Teil der Tempel, und die Anlage fällt für einige Jahre in einen Dornröschenschlaf, bis sie von einem anderen Mönch wieder zum Leben erweckt wird. Durch eine kaiserliche Ehrung Kukais wird der Koya-san für Jahrhunderte zu einem wichtigen Pilgerziel. Sogar Kaiser und Shogune nehmen die beschwerliche Anreise auf sich. Immer wieder jedoch bringen verheerende Brände und politische Umwälzungen das Leben auf dem Koya-san ins Wanken. Ende des 19. Jahrhunderts stellt ein kaiserliches Ministerium den Berg und seine Tempel unter Schutz, 2004 folgt die UNESCO mit der Auszeichnung zum Welterbe.

Meisterwerke aus der Klosterküche

Eine Auszeichnung verdient hätte auch das Abendessen, das ein Mitarbeiter der Klosterküche um Punkt 18 Uhr auf dem Zimmer serviert. Auf kleinen Tablett-Tischchen, die auf dem Boden stehen, drängen sich Schälchen voller Köstlichkeiten. Wenn Essen Kunst ist, dann hier: akkurat gewickelte Teigtaschen, mit Blattgold dekorierte Pasten, sorgfältig drapierte Arrangements verschiedener Süßigkeiten aus Adzukibohne. Und das alles vegetarisch, so will es der Buddhismus. All diese Farben und Formen, Düfte und Geschmäcker sind ein Fest für die Sinne. Und so lässt man sich Zeit mit jedem Bissen und denkt an Kukai: Gilt auch Essen als Meditation?

Ungefähr die Hälfte der rund 120 Klöster bietet eine Übernachtung an. In den meisten Unterkünften haben die Gäste die Möglichkeit, an einer Morgenandacht der Mönche oder anderen Meditationsübungen teilzunehmen. Unter den Besuchern sind nicht nur interessierte ausländische Touristen, sondern auch viele Japaner, die aus religiösen Gründen hier sind. Im Grunde ist schon der Aufenthalt im Kloster ein Highlight für sich, doch der Koya-san ist auch in seiner Ganzheit ein magisches Erlebnis: ein Meer aus Tempeln, Pagoden und Klöstern, dazwischen auch mal kleine Geschäfte und Cafés. Und dann ist da auch noch der Okunoin, der vielleicht größte Friedhof Japans. Versteckt in einem Wald riesiger, uralter Zedern finden sich Hunderttausende von steinernen, moosbewachsenen Grabmalen, darunter auch von den einflussreichsten Familien Japans, sowie das Mausoleum Kukais.

Wer wie der Shingon-Meister zum Buddha werden will, muss früh aufstehen. Um sechs Uhr morgens laden die Mönche im Kloster zur Morgenandacht. In einem kleinen Raum in einem Seitenflügel des Klosters steht ein Dutzend Stühle, davor ein Podest für die Mönche. In dem Raum ist es so kalt, dass man seinen Atem sieht, und Kerzenlicht erhellt die Dunkelheit. Sechs Mönche nehmen auf dem Podest Platz, umringt von Reliquien, und beginnen mit ihrer Andacht. Zwei Stunden lang singen sie ihre Mantras, mal einzeln, mal zusammen, mit tiefer, kehliger Stimme und kaum einer Pause. Während japanische Besucher an einigen Stellen in die Zeremonie eingebunden werden, verfällt man als ausländischer Zuhörer in eine Art Trance, zu hypnotisch ist der Sprechgesang. Und die Erleuchtung? Zum Buddha hat es nach diesem einen Mal natürlich nicht gereicht – aber Herz und Seele sind um einige Erfahrungen reicher.

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Auf der Studiosus-Reise „Japan – die umfassende Reise“ ist eine Übernachtung auf dem Koya-san eingeplant. Während unsere Autorin in der Klosterherberge Eko-in war, übernachten die Studiosus-Gruppen in der Regel im Honno-in.